»Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. ... Ich lade jeden Christen ein, gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen. Es gibt keinen Grund, weshalb jemand meinen könnte, diese Einladung gelte nicht ihm, denn ›niemand ist von der Freude ausgeschlossen, die der Herr uns bringt‹.« (Evangelii gaudium, Nr. 1 und 3). Mit diesen Worten beginnt das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus, das bei aller Programmatik mitnichten eine Regierungserklärung zu sein beansprucht.
Kontinuität im Selbstverständnis der Kirche: Sendung
Schon der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Schreibens »über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute« gibt zu denken: »Zum Abschluss des Jahres des Glaubens, am 24. November – Hochfest unseres Herrn Jesus Christus, König des Weltalls – im Jahr 2013« und damit an der Schwelle zur vorweihnachtlichen Zeit der Besinnung, dem Advent. Das von Papst Benedikt XVI. am 11. Oktober 2012 eröffnete Jahr des Glaubens geht also weiter und ebenso sein Programm der ›Entweltlichung‹: Auch wenn Papst Franziskus einen anderen Sprachstil pflegt, so fordert er ganz auf der Linie mit seinen Vorgängern im Petrusamt und dem II. Vatikanischen Konzil nachdrückliche und wirkungsvolle Anstrengungen aller Gläubigen ein – geweihter Amtsträger wie Laien – sich auf das Wesentliche der Kirche zu konzentrieren und dies in allen Lebensvollzügen in Kirche, Gesellschaft, Familie und persönlicher Lebensführung überzeugend und glaubwürdig umzusetzen.
Es geht also nicht um eine Agenda des Papstes, es geht um viel mehr: Einen Aufbruch der ganzen Kirche, die sich selbst noch nie als Selbstzweck verstanden hat, auch wenn ihre Glieder immer wieder in Gefahr stehen, wie es schon Kardinal Ratzinger im Jahr 1996 sehr ernüchternd formuliert hatte, abzugleiten »in einen grauen Pragmatismus des kirchlichen Alltags, in dem scheinbar alles mit rechten Dingen zugeht, in Wirklichkeit aber der Glaube verbraucht wird und ins Schäbige absinkt« (Evangelii gaudium, Nr. 83). Die dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium formuliert ganz zu Beginn unter der Überschrift ›Geheimnis der Kirche‹: »Christus ist das Licht der Völker. Darum ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint, zu erleuchten, indem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet (vgl. Mk 16,15). Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.«
Das ist das Selbstverständnis der Kirche von ihren ersten Tagen an bis ans Ende der Zeiten, ihre Sendung, allen Menschen Christus zu verkünden. Insofern verfehlen verkürzende Überschriften, wie wir sie in diesen Tagen über dieses Apostolische Schreiben lesen können, Papst Franziskus wolle eine andere Kirche, vollständig dessen Intention. Ebenso wie uns Papst Paul VI. 1975 das in wesentlichen Grundzügen noch heute hilfreiche Apostolische Schreiben Evangelii nuntiandi „über die Evangelisierung in der Welt von heute“ an die Hand gegeben hat und diese fundamentale Aufgabe der Kirche nachdrücklich zum Anliegen aller machte, ebenso appelliert Papst Franziskus mit Evangelii gaudium an uns, den Blick auf Jesus Christus zu richten und mit dem Apostel Paulus »im Vollsinn« zu sagen: »Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20)« (Evangelii gaudium, Nr. 160).
Selbstbesinnung aller Glieder der Kirche im Spiegel des Vorbildes Christi
Fünf Aspekte nimmt Papst Franziskus dabei besonders in den Blick, »um die bedeutende praktische Auswirkung dieser Argumente in der gegenwärtigen Aufgabe der Kirche zu zeigen« ((Evangelii gaudium, Nr. 18): Zunächst spricht er das Erfordernis einer »missionarischen Umgestaltung der Kirche« (Evangelii gaudium, Nr. 19-49) an, die »einen entschiedenen Prozess der Unterscheidung, der Läuterung und der Reform« verlangt (Evangelii gaudium, Nr. 30). Konkret heißt dies, ein erneuertes Bewusstsein dafür zu erlangen, dass »der Herr die Initiative ergriffen hat, der Gemeinde in der Liebe zuvorgekommen ist und deshalb weiß sie voranzugehen, versteht sie furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Ausgeschlossenen einzuladen. ... Und schließlich versteht die fröhliche evangelisierende Gemeinde immer zu ›feiern‹. ... Die Kirche evangelisiert und evangelisiert sich selber mit der Schönheit der Liturgie, die auch Feier der missionarischen Tätigkeit und Quelle eines erneuerten Impulses zur Selbsthingabe ist.« (Evangelii gaudium, Nr. 24) Auf allen Ebenen kirchlichen Lebens, den Pfarreien, in geistlichen Gemeinschaften und Orden, in den Diözesen und auf Ebene der Universalkirche hat eine solche erneuerte Ausrichtung auf die innerste Sendung der Kirche hin Auswirkungen und ist sozusagen in allen Bereichen durchzubuchstabieren. Immer stehen jedoch diese Maßnahmen unter dem Aspekt einer »inneren Prüfung vor dem Spiegel des Vorbildes, das Christus uns von sich hinterlassen hat« (Evangelii gaudium, Nr. 26).
Schonungslos kritisiert Papst Franziskus in einem zweiten Aspekt die Rahmenbedingungen, unter denen Glaubensverkündigung heute erfolgt und durch die sie beeinträchtigt wird: »In der Krise des gemeinschaftlichen Engagements« (Evangelii gaudium, Nr. 50-109). Die im Wesentlichen durch eine zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche verursachte Degradierung des Menschen zu einem »Konsumgut, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann« und die dazu führt, dass »die Ausgeschlossenen nicht Ausgebeutete, sondern Müll, Abfall« sind (Evangelii gaudium, Nr. 53), wird auf das Schärfste gegeißelt. »Der Papst liebt alle, Reiche und Arme, doch im Namen Christi hat er die Pflicht daran zu erinnern, dass die Reichen den Armen helfen, sie achten und fördern müssen.« (Evangelii gaudium, Nr. 58) Auch der Tendenz »den Glauben und die Kirche auf den privaten, ganz persönlichen Bereich einzuschränken« (Evangelii gaudium, Nr. 64) tritt er energisch entgegen und fordert eine Erziehung, »die ein kritisches Denken lehrt und einen Weg der Reifung in den Werten« (Evangelii gaudium, Nr. 64).
In den drei letzten Teilen, »Die Verkündigung des Evangeliums« (Nr. 110-175), »Die soziale Dimension der Evangelisierung« (Nr. 176-258) und »Evangelisierende mit Geist« (Nr. 259-261), werden sehr ermutigende und konkrete Impulse gegeben, wie das kirchliche Handeln noch intensiver auf eine wirkungsvolle Sendung hingeordnet werden kann. Maria vermag uns dabei als »Stern der neuen Evangelisierung« (Evangelii gaudium, Nr. 288) zu leuchten und Orientierung auf ihren Sohn hin zu geben.
Was tun?
Über allem steht das positive Sprechen über den Glauben, das aus der tiefen Verbindung mit Christus herrührt. Womöglich bietet die bevorstehende adventliche Zeit der Besinnung Anlass, Passagen dieses Apostolischen Schreibens zur Selbstbesinnung heranzuziehen und bei aller Nüchternheit der Analyse das Herz von der Freude des Evangeliums erfüllen zu lassen, die der Herr selbst uns schon immer schenkt.
Auf der Vatikan-Homepage gibt es den kompletten Text von "Evangelii gaudium"
Von Professor Dr. Gerda Riedl