Katholische Pfarrkirche
Patrozinium am 11. November
Landkreis Günzburg - Bistum Augsburg
Pfarr- und Ortsgeschichte.
Der Markt Jettingen (an der Bahnlinie Augsburg—Ulm) liegt an der Mindel im östlichen Teil des Landkreises Günzburg. Durch den Namen mit der Endung „-ingen“ wird der Ort als eine Gründung in der Zeit der alemannischen Landnahme ausgewiesen. Etwa um 510 n. Chr. bei der Besiedlung des südlichen Teils der Donau entstanden, dürfte Jettingen seinen Namen (Vtingen, Uotingen, Uttingen, Üettingen, Jettingen) wahrscheinlich von einem Uto oder Otto erhalten haben (Jettingen „bei den Versippten des Uto“ bzw.,, die Wohnungen des Otto). In der Zeit der Frankenherrschaft (6—8. Jh.) entstand auf dem erhöhten Platz neben dem Maierhof die erste Jettinger Kirche, die als Reichskirche gilt. Jettingen gehörte zu dieser Zeit wohl zu den wichtigsten Orten des Landes und bildete mit seiner Martinskirche einen „Stützpunkt fränkischen und kirchlichen Einflusses. Der Patron der Kirche, der hl. Martin, Nationalheiliger der Franken, bestätigt diese Annahme, die durch die günstige Verkehrslage noch erhärtet wird. Jettingen war einer der 6 Reichshöfe der Grafschaft Duria.
In der Folgezeit unterstand Jettingen verschiedenen Ortsherren: 1030 kam das von Welf II. „zum Advokatie-Lehen ingehabte Castrum, cum villa Vtingen“ durch Schenkung an das Hochstift Augsburg. Die Augsburger Bischöfe belehnten adelige Dienstmannen mit ihren kirchlichen Gütern. So entstand der Ortsadel von Jettingen: das Geschlecht der Herren von Utingen, die bis 1438 als sog. ‚milites de Vtingen“ verschiedentlich in Urkunden bezeugt sind (seit dem 13. Jh. in Augsburg sesshaft).
Ferner waren hier das Domkapitel, das Benediktinerkloster St. Ulrich von Augsburg, sowie die Markgrafenschaft Burgau (zu der Jettingen gehörte) und später auch das Erzhaus Vorderösterreich begütert. 1249 wird ein Egolfus von Knöringen als „Dominus de Vtingen“ erwähnt. 1351 erhält Hilpold von Knöringen von Herzog Albrecht von Österreich den Kirchensatz. Bei der Fehde zwischen Kaiser Friedrich III. und Bayernherzog Ludwig dem Reichen wurde 1462 der Markt bis auf die befestigte Kirche zerstört. Dadurch völlig verarmt, musste Hilpold von Knöringen seinen Besitz 1469 an Hans vom Stain, „Ritter von Ronsperg zu Reißensburg“, verkaufen. Dieser ließ im SW des Ortes ein neues Schloss errichten (1841 umgebaut). Die Jettinger Pfarrkirche diente den Rittern v. Stain als Grablege. Der Ort wurde 1473 mit der Hohen Gerichtsbarkeit, dem Blutbann, Stock und Galgen, und dem Güterzoll als Lehen des HI. Röm. Reiches betraut.
Franz Theodor Freiherr v. Stain veräußerte 1748 Markt und Schloss Jettingen an Frhr. Lothar Philipp Schenk von Stauffenberg zu Wülfingen. Seit 1922 ist die Gutsherrschaft von Jettingen ein Bestandteil der Schenk von Stauffenbergschen Familiengesellschaft, die das ehem. Familienfideikommiß ablöste. Bis auf den heutigen Tag üben die Grafen Schenk von Stauffenberg als Patronatsherren der Kirche das Präsentationsrecht (Vorschlags- und Mitspracherecht bei der Neubesetzung der Pfarrstelle und gewisse Ehrenrechte) aus.
Wann Jettingen das Marktrecht erhielt, ist nicht bekannt. 1410 ist es urkundlich erwähnt, doch dürfte es möglicherweise bereits im 13. Jh. verliehen worden sein. Die Grundlage des Erwerbs bildete auch noch im 19. Jh. die Landwirtschaft (heute nur noch 15%). Als Folge der Französischen Revolution musste der Grundbesitz vieler Großbauern Anfang des 19. Jh. aufgeteilt werden. Die Einwohnerzahl blieb von 1840—1939 fast konstant bei ca. 1600. Erst durch den Zustrom von Heimatvertriebenen 1946 erhöhte sie sich um ca. 63 % auf 2526. Durch die Eingemeindung von Scheppach 1970 und Schönenberg 1972 vergrößerte sich die Marktgemeinde auf ca. 5000 Einwohner.
Im Jahr 1546 wurde in Burtenbach (5 km südl. v. J.) als einzigem Ort der Umgebung die Reformation eingeführt, nachdem 1525 dem Bauernaufstand bei Leipheim ein Ende gesetzt worden war. In späterer Zeit wurden die Protestanten von Jettingen wegen ihrer geringen Zahl im Pfarrverband des Ortes belassen, 1846 jedoch der evang. Pfarrei Burtenbach einverleibt. Die evangelischen Glaubensbruder stellten immer eine kleine Minderheit dar (1934 z B 13 Personen)
Baugeschichte und Künstler
Obwohl das Gründungsjahr und das Datum der Einweihung der St Martinskirche unbekannt sind (vermutlich in fränkischer Zeit) wurde früher die Kirchweihe am Sonntag vor Jacobi (25 Juli) gefeiert Erstmals wird eine Kirche 1154 urkundlich erwähnt. Bei den Ausgrabungen im Dezember 1966 konnten von dieser romanischen Kirche die Fundamente des zweischiffigen vierjochigen Langhauses und des dreiseitig geschlossenen Chors freigelegt werden. — Um 1470 wurde ein neuer Chor aufgeführt, nachdem der alte bei dem Sturmangriff 1462 wohl in Mitleidenschaft gezogen worden war. Am 5 11 1475 weihte Auxiliarbischof Ulrich von Augsburg zugleich Titularbischof von Adramyt und Mitglied des Franziskanerordens Chor und Altar zu Ehren des HI Martin, der Jungfrau Maria und der Heiligen Johann Bapt. und Vitus.
1630 ließ Pfarrer Binder von den 7 Altären zwei entfernen und die Einrichtung im Stil des Frühbarock erneuern. — Nach dem 30-jährigen Krieg fielen große Renovierungsarbeiten an Kirche und Pfarrhof an, die von Jakob Guggemos, Weilheim ausgeführt wurden. Damals erhielt die Pfarrkirche im Langhaus eine Flachdecke (1663). 1670 wurde am Patroziniumstag ein neuer Hochaltar errichtet. Das Altarblatt des Augsburger Hofmalers Gg. Michael Tag zeigte den Englischen Gruß. Darüber war in einer Nische das (noch erhaltene) Bildwerk des Kirchenpatrons aufgestellt (ebenfalls von Tag). Den Abschluss bildete St. Michael mit dem besiegten Luzifer zu Füßen. — 1713 wurde der baufällige Turm abgetragen und bis 1715 durch einen neuen ersetzt. — 1728 erhielt die Kirche einen Maria geweihten Seitenaltar. 1764 werden neben dem Hochaltar 6 weitere Altäre genannt (Kreuzaltar unter dem Chorbogen, Sebastians-, Krippen-, Dreifaltigkeits-, Anna- und Franz Seraph-Altar).
1840—44 wurde die Kirche renoviert. Dabei wurde auf der Südseite eine 2. Sakristei angebaut und die ursprünglich schindelgedeckten Schutzdächer der Seitenportale mit Eisenblech versehen. — 1869—80 fand unter Pfarrer Baur eine Umgestaltung im neugotischen Stil statt, die größtenteils von Bildhauer Josef Ländle aus Schömberg/Rottweil durchgeführt wurde. 1870 kamen der neue Hochaltar (Kreuzigung Christi) und der Blutsaltar (Pfingstwunder) zur Aufstellung. 1878 folgte der Marienaltar (Geburt Christi). Die Fassung des Hochaltares besorgte Josef Menrad, Jettingen. 1880 war die Kanzel vollendet. Eine neue Flachdecke u. die von Weißgerber Seiz gestiftete Orgel vervollständigten die neue Ausstattung.
— 1934 wurde die Kirche unter Geistl. Rat Leonhard Moll außen u. 2 Jahre später innen erneuert, wobei man vor allem die Schäden Pfarrer Baurs wieder gutzumachen versuchte. Unter Beratung des Bayer. Landesamts für Denkmalpflege wurden die Altäre, Decken und Wände in hellen, lichten Farbtönen gestrichen und der Chor von störenden Übermalungen befreit.
1966 begann die Erweiterung und die damit verbundene, tief greifende Umgestaltung der Kirche unter Pfarrer Gabriel Beißer. Die Gesamtplanung lag in den Händen von Architekt Alexander Frhr. v. Branca, München (Mitarbeiter: Dipl.-lng.
V. Hagen u. Dipl-Ing. R. Balleisen, München). Architektin Martens, München, entwarf die Inneneinrichtung. Der Jettinger Kirchenmaler Josef Köge1 restaurierte den Chor und die Plastiken. Die Steinbildhauerarbeiten übernahm Bildhauer Hans Kreuz, Herrsching. Tabernakel und Apostelleuchter schuf Bildhauer Max Faller, München. Die Kunstschmiedearbeiten stammen von Paul Fuchs, Peterskirchen. Am 17. Dezember 1967 konnte die Kirche von Bischof Dr. Josef Stimpfle aus Augsburg eingeweiht werden.
Den Baukomplex beschreibt Architekt Alexander Frhr. von Branca: „ Die alte Kirche, deren schöner Turm schon von weitem sichtbar ist, beherrscht in ihrer Stellung und mit ihrer Masse und Höhe auch heute noch das Dorfbild. So entschloss man sich, anstelle eines Neubaus die alte Kirche zu erweitern, den alten Bestand des Baues aber im Sinne der neuen Ordnung umzugestalten und zu restaurieren. Erleichtert wurde dieser Entschluss dadurch, dass das Hauptschiff der alten Kirche im letzten Jahrhundert schon einmal völlig umgestaltet worden war und auch vom Stand punkt des Denkmalpflegers in der Gestalt des 19. Jh. nicht erhaltenswert erschien. Darauf hinzuweisen ist ganz besonders wichtig, da bei einem schönen historischen Bestand eine Umgestaltung in dieser weitgehenden Form nicht richtig gewesen wäre.
Aus dem ursprünglichen Langhaus wurde durch einen seitlichen Anbau (nach N) ein Zentralraum geschaffen. Der Chor wurde zur Seitenkapelle (HI. Blut-Kapelle). Dadurch entstand eine Anlage von kreuzförmigem Grundriss, in deren Mittelpunkt der Altar steht und an deren Kopf eine Apsis den Tabernakel aufnimmt. Der Querbalken des Kreuzes ist der alte Kirchenraum, fortgesetzt durch den gotischen Chor einerseits und der Eingangshalle mit der Taufkapelle andererseits. Die Gemeinde hat größtenteils in dem Erweiterungsbau Platz. Ein wichtiges Element zur Vereinheitlichung beider Teilräume bildet die gebeizte Fichtenholzdecke, die über dem neuen Altar ihren höchsten Punkt erreicht. Dem neuen Haupteingang gegenüber befindet sich — als ein erster Zielpunkt— eine kleinere (nach Art der Kapellen Le Corbusiers in Ronchamp ausbuchtende) Kapelle mit der barocken Holzfigur des HI. Martin, des Schutzpatrons der Kirche.“ Die Martinskapelle soll zugleich die Bewegungsrichtung des Eintretenden zum Hauptaltar umlenken.
Am auffallendsten tritt das weiß verputzte Mauerwerk in Erscheinung; Beton wird nur für einzelne Teile, wie Pfeiler, Sänger- und Orgelempore verwendet. Der Fußboden ist mit rötlichen Tonplatten belegt, von dem sich die Altarinsel aus Muschelkalk abhebt. Bänke und Beichtstühle sind aus Föhrenholz gefertigt.
Die Ausstattung setzt sich wie der Bau aus alten und modernen Stücken zusammen und bildet doch eine Einheit, wie der Altarbezirk zeigt: Vorne steht der mächtige Altartisch aus Muschelkalk von H. Kreuz; dann Ambo, Sedilien und Osterleuchter aus dem gleichen Material. In der (heutigen) Hauptapsis ist auf einem hohen Sockel M. Fallers Tabernake1 geborgen: Seine vorzüglichen Reliefs auf der vorderen und linken Seiten zeigen als Thema: „In ihrer Trübsal werden sie sich aufmachen und sagen: Kommt, lasst uns zum Herrn zurückkehren, er hat uns gezüchtigt, er wird uns auch heilen, er hat uns geschlagen, er wird uns auch pflegen.“ (Os 6, 1-6). Auf der rechten Seite ist der Sturz Luzifers und seiner Anhänger durch den Erzengel Michael und die getreuen Himmlischen Heerscharen dargestellt und auf der Rückseite die Natur als Schöpfung Gottes. An der Nahtstelle zwischen Apsis und altem Langhaus ist auf einer Steinkonsole das spätgotische fränkische Bildwerk einer Madonna mit Jesuskind (um 1480) angebracht. Franz Theodor von Stain brachte diese wertvollste Statue der Kirche 1743 aus einer „durch das Luthertum entheiligten Capell“ der Bayreuther Gegend nach Jettingen und stiftete sie der Pfarrkirche. Zunächst war sie in der Leonhardskapelle aufgestellt, die deshalb auch „Muttergotteskapelle“ hieß. In ihrer Haltung und Gestik und ihrer leicht geschwungenen S-Form erinnert die Figur noch an die „Schönen Madonnen“ des sog. Weichen Stils. Die großen Knitterfalten mit den tiefen Faltentälern, die sich stauenden Schüsselfalten und die an dem kompositionell sehr wirkungsvollen Mantelumschlag ersichtliche Schwere des Brokats weisen jedoch eindeutig in die 2. H. des 15. Jh. Das unter den Füßen Mariens liegende, in der Mondsichel eingeschlossene Gesicht Adams deutet auf die notwendige Erlösung durch Christus hin. Die qualitätsvolle Madonnenstatue kann mit der charakteristischen Ovalform ihres Kopfes, der hohen Stirn und ihrem Gesichtstypus ihre fränkische Herkunft nicht verleugnen. Das Bildwerk wurde von J. Kögel 1966/67 neu gefasst.
Eine weitere Konzentrierung von Kultgegenständen findet sich in dem ehem. Chor, der heutigen HI. Blutkapelle. Sie hat ihren Namen von einer aus Rom stammenden Hl. Blutreliquie, die Joh. Fr. Schenk v. Stauffenberg, Fürstbischof von Konstanz und Augsburg, anlässlich der Hochzeit seines Neffen 1740 der Braut Maria Johanna Gräfin v. Castell schenkte, welche die Blutreliquie der Jettinger Pfarrkirche übergab. 1760 konstituierte sich eine HI. Blutsbruderschaft, die vom Augsburger Bischof approbiert und von Papst Clemens XIII. bestätigt sowie mit Ablässen bedacht wurde und heute noch über 400 Mitglieder zählt. Das HI. Blutfest wird seit 1803 alljährlich am Pfingstmontag (vordem Pfingstdienstag) mit einer großen Prozession gefeiert. Die Blutspartikel ist in einem Ostensorium des Rokoko (nach 1750) gefasst, auf dem um die Darstellung des Herzens Jesu die Wundmale Christi nebst Szenen der Passion und das Bild eines Pelikans, der seine Jungen mit dem eigenen Herzblut nährt, gruppiert sind. (Wohl eine Augsburger Goldschmiedearbeit.)
Um 1760 dürften die beiden bäuerlichen Statuen der Heiligen Florian und Georg entstanden sein, die beiderseits des Hl. Blutschreins aufgestellt wurden. — Einst gehörte, als Mittelstück des Antipendiums, auch das Holzrelief der Grablegung Christi aus der 1. H. des 16. Jh. (heute in die linke Stirnwand der Kirche eingelassen) zum Blutsaltar. Bemerkenswert sind die Abstufung der Köpfe und der kompositionelle Aufbau. In einer (erst bei der letzten Restaurierung freigelegten) Nische mit Kielbogen wurde ein spätgotischer Schmerzensmann — ursprünglich wohl eine in einem Hl. Grab ruhende Christusfigur — aufgestellt, die H. Liegel aus Scheppach 1967 stiftete.
Entlang den Wänden des ehem. Chors sind Epitaphien aufgereiht. Darunter sind besonders hervorzuheben: Das Grabmal von Diepold v. Stain und seiner Gemahlin Anna, geb. v. Rechberg, von der Hand des Meisters des Mörlindenkmals (um 1500) In einer streng heraldischen Komposition sind die beiden Ehegatten einander zugeordnet. Trotz einer Liebe zum Detail (vgl. etwa das Relief einer Muttergottes am Schwertknauf) bleibt die Klarheit des Aufbaus gewahrt — Etwas jünger ist das Sandsteinepitaph von Philipp v. Stain, dem Sohn Diepolds. Dieses Frührenaissancewerk wird ebenfalls dem Meister des Mörlindenkmals zugewiesen. In einer Rundbogennische, deren Laibung mit Pflanzenornamenten und Wappenschilden besetzt ist, steht auf einem Löwen das lebensgroße fast vollplastische Standbild des Ritters mit einem federgeschmückten Barett und einem kostbaren Waffenrock, an dem noch Spuren einstiger Vergoldung sichtbar sind — Als eine Schöpfung
Loy Herings aus Kaufbeuren ist das Grabdenkmal von Melchior v Stain (+ 1528) anzusehen Die in flachem Relief ausgeführte Statue des Ritters mit Streithammer und Schwert wird von einer Säulenädikula umrahmt. Sein Portrat diente Loy Hering als Vorbild für den hl. Georg auf dem Altar, der sich jetzt im Bayer Nationalmuseum München befindet
Dem einstigen Chorbogen ist heute eine auf einer lettnerartigen Empore stehende 0rgel derart eingepasst, dass zwar der Blick in das gotische Chorgewölbe frei bleibt, der Hauptraum aber seitlich abgeschlossen wird. Aufgrund dieses Aufstellungsortes sind an der Orgel zwei Prospektseiten ausgebildet, aus denen nach spanischer Art Trompeten waagrecht vorstoßen. Das Instrument (mit einer rein mechanischen Spieltraktur in Holzbauweise und einer elektropneumatischen Registeranlage) besitzt, auf drei Manuale und das Pedal verteilt, 33 klingende Register mit 2022 Metall- und 210 Holzpfeifen. Es wurde von der Fa. Hubert Sandtner, Dillingen a. D., gebaut. In das Gehäuse wurden auf der Westseite spätgotische Figuren der Heiligen K1ara und Ottilie (um 1500) und auf der Ostseite bewegte Rokokostatuen der 4 Evangelisten eingestellt.
In der Kapelle gegenüber dem Hauptportal steht auf 2 Säulen emporgehoben die barocke Figurengruppe (von Georg Mich. Tag, 1670): Martin zu Pferd teilt mit dem Schwert seinen Mantel, um den am Boden hockenden Bettler zu kleiden. — An der Nordwand des Kirchenschiffs ist der verwitterte Grabstein des „junckers“ Hans Weigelin von Burgau († 1470), der als Vogt von Jettingen in Diensten der Herren von Knöringen stand, eingelassen. Daneben ein überlebensgroßer Holzkruzifixus.
Von den liturgischen Geräten der Pfarrkirche sind neben dem erwähnten Hl. Blutreliquiar besonders zu nennen: ein turmförmiges, spätgotisches Ziborium aus vergoldetem Kupfer (bez. "1501"; eingravierte Bilder: Stifterporträts mit den Wappen der Rehlinger und WeIser, alttestamentarische Opferszenen, Steinigung des Stephans, Selbdritt); eine 1679 von dem Augsburger Goldschmied Georg R 0 II gelieferte Silbermonstranz (1957 neu vergoldet).
Zuletzt sei noch auf die kunstvollen Gitter an Fenstern und Portalen hingewiesen, die von Paul Fuchs geschaffen wurden. Vom gleichen Künstler stammt das „ historisierende“ Weihwasserbecken aus Metall.
Der Außenbau kulminiert in dem 1715 durch einen Zusmarshausener Baumeister (Georg Reiner?) errichteten Turm, um den im rechten Winkel die beiden Kirchenbauten gelagert sind. Auf einem hohen, rechteckigen Sockelgeschoß ruht übergangslos ein durch Pilaster, Gesimse, Dreiecks- und Segmentgiebel reich gegliedertes, achteckiges Glockengeschoß HolI‘scher Prägung, das von einer spitz auslaufenden Zwiebelhaube (bis 1852 mit Schindeln gedeckt) bekrönt wird. (Dieser schöne Turm sollte im Zuge der Restaurierungsarbeiten unter Pfarrer Baur abgetragen und durch 2 neue, nach Art der Augsburger Domtürme, ersetzt werden.)
Durch die auf allen Seiten der Kirche vorbuchtenden Kapellenapsiden und Beichtnischen wurden monotone Wandflächen vermieden und eine ausgewogene und abgerundete Anlage geschaffen. So erscheint etwa im Osten die Apsis der Martinskapelle als ein Widerpart zu dem gotischen Chor, der seinerseits im Westen in jener der Kirche (im Stil des in Jettingen geborenen Dominikus Böhm) vorgesetzten Taufkapelle eine Entsprechung findet. Trotz dieser wechselweisen Verbindung von Alt und Neu bleibt das ehem. Langhaus durch sein mächtiges, steil aufragendes Satteldach nach außen dominierend.
Nach Osten und Süden ist dem weiß leuchtenden Kirchenkomplex ein in einzelne Teilbereiche gegliederter Bezirk mit Baumgruppen und einem Kriegerdenkmal vorgelagert, der durch eine Mauer in Sichtbeton abgestützt wird und sich in breiten Treppen zur Straße hin öffnet.
Bedeutung. Da die St. Martinskirche schon im 19. Jh. völlig umgestaltet worden war, entschloss man sich 1966 nach Rücksprache mit dem Bayer. Landesamt für Denkmalpflege zu einer Erweiterung der Kirche durch einen Anbau im Norden. Der Architekt, Alexander Frhr. von Branca, München, vermochte es, einen neuen, nach Süden orientierten, wohl ausponderierten Gesamtraum von kreuzförmigem Grundriss zu schaffen, wobei der künstlerische Wert des ehem. Chores durch die geschickte Abschirmung mittels der Orgel gewahrt blieb. Den neuen liturgischen Erfordernissen gemäß kam der Altar im Zentrum der Kirche zu stehen. Nach außen hin wurde dem alten Kirchenbau eine Vorrangstellung eingeräumt. Im Osten des Erweiterungsbaus konnte harmonisch eine neue Sakristei eingefügt werden. Das in Jettingen entstandene Ensemble zeugt von dem hohen künstlerischen Können und der pietätvollen Behutsamkeit von Brancas, des derzeitigen Münchener Kreisheimatpflegers, beim Umgang mit historischen Bauten.


