August 2005 fand in Köln der Weltjugendtag der katholischen Kirche mit über einer Million Teilnehmern statt. Vor diesem Treffen waren ca. 150.000 ausländische Gäste in den Bistümern Deutschlands bei „Tagen der Begegnung“ zu Gast. An einem Tag des „sozialen Engagements“ sollten sie zusammen mit den Gastgebern vor Ort ein soziales Projekt bearbeiten.
Wir in Bernried wollten dabei etwas Besonderes und Bleibendes schaffen, etwas, das für Viele zu einem geistlichen Gewinn werden kann - für die Bernrieder selbst, aber auch für die vielen Gäste und Besucher unseres Ortes: ein begehbares Rasenlabyrinth.
Geschichte
Das Labyrinth ist ein altes Symbol. In den Sagen der griechischen Mythologie wagt sich Theseus im Palast von Knossos auf Kreta in das Labyrinth, es geht um sein Leben und um das seiner Freunde. In der Mitte lauert der Minotaurus – halb Mensch, halb Stier - auf ihn. Theseus besiegt das Ungetüm und am Faden, den ihm die Königstochter Ariadne mit auf den Weg gegeben hat, findet er wieder heraus. Die griechischen Geiseln kommen frei und Ariadne wird seine Frau.
Überliefert hat sich das Labyrinth nicht als Gebäude, sondern als Tanz, als Reiterspiel und als graphische Figur. In vielen Wendungen führt ein einziger Weg zur Mitte. Alle Formen stehen für den Lebensweg des Menschen, für seinen Reichtum und seine Schätze, für die Wendungen und Gefahren. Beim Tanzen, beim Begehen oder beim Betrachten führt das Labyrinth auf den eigenen Weg.
Von Kreta aus hat sich das Labyrinth bis heute weit über Europa verbreitet: von antiken Mosaiken und Graffiti in Italien, den Trojaburgen der Wikinger in Skandinavien, über die mittelalterlichen Kirchenlabyrinthe bis zu den englischen Rasenlabyrinthen.
Die Form
Für das Bernrieder Labyrinth haben wir die Form des Labyrinths aus der Kathedrale von Chartres (Mitte 13. Jahrhundert) gewählt. In elf Schalen legt sich der Weg um die Mitte - 28 mal wendet er sich. Mittelalterliche Zahlenmystik spricht so vom Lebensweg: unvollkommen ist mein Leben (vollkommen wären 12 Wege, wie 12 Apostel etc.), oft glaube ich mich am Ziel, doch oft wendet sich der Weg. 28 Tage hat der Mondmonat, das Gestirn der Nacht, der Wenden, der dunklen Zeiten: Verlust, Schmerz und Trauer gehören zu meinem Leben.
Das Mosaik
Die Mitte ist für den Gläubigen keine Sackgasse, die Mitte unseres Labyrinthes ist nicht leer. In der Mitte haben wir als Mosaik das Logo des Weltjugendtages 2005 eingesetzt. „Wir sind gekommen, um ihn anzubeten“. Am scheinbaren Ende eines mühsamen Weges wartet Christus auf mich. Und so haben die Christen vormals in dieser Mitte die Osterkerze entzündet: für einen Christen ist Leben mehr als es scheint, auch die Wendungen, die im Labyrinth ein Kreuz aufscheinen lassen, werden einmal ihren Sinn ergeben. Sie verbinden mich mit dem Kreuz und Lebensweg Jesu. Und wie er vorausgegangen ist, so führt mich einmal Christus aus der Sackgasse Tod hinaus zum Leben.
Das Logo des Weltjugendtages versammelt die Sinnpunkte des WJT - Mottos "venimus adorare eum - wir sind gekommen, IHN anzubeten": den Stern, dem die drei Weisen folgten, die Kölner Domtürme, in deren Schatten Ihre Gebeine heute ruhen sollen, darunter das Wasser des Rheins und das blaue "C" als Zeichen für Christus, das wahre Wasser des Lebens. Das Kreuz, Sinnbild für Tod und Auferstehung Jesu, weist auf das WJT-Kreuz hin, das alle Weltjugendtage bisher begleitet hat und auf seinem Weg durch die Welt 2008 nach Sydney getragen wird.
Bilder vom Bau des Mosaiks
Ungläubig schauten am Ende der Sommerferien viele Bernrieder auf die Mitte des neuen Labyrinths: Teile des Mosaiks lagen in Bruckstücken auf der Wiese. Vandalen, mutwillige Zerstörung? Mit Irinia Ghirardini, welche die Mosaikarbeiten fachkundig betreut hatte, kamen wir zu dem Schluss: Möglicherweise sind Personen auf den Rand des Mosaiks gesprungen, einige Steine abgeplatzt und - in der nassen zweiten Ferienhälfte - größere Mengen Wasser eingedrungen. Kleber und Zement waren vielleicht auch nicht optimal. Das Ergebnis: eine Restaurierung der abgesprungenen Teile bringt keinen Erfolg.
Für Irina Ghirardini und ihre Tochter Mascha, für Katharina Breitenmoser und Maria Kistler - alle jungen Damen Ministrantinnen - eine Selbstverständlichkeit: wir machen das nochmal! Und so trafen sich alle vier für einen ganzen Samstag in der neuen Werkstatt "ars musiva" von Irina Ghirardini am Reitweg und werkelten bis in die Abendstunden. Ein Reife aus Aluminium schützt nun den empfindlichen Rand des Kunstwerks. Und so erstrahlt nun das Mosaik mit dem Motiv des Weltjugendtags 2005 in neuem Glanz.
Seit Mai 2006 ist das Mosaik wieder an seinem angestammten Ort zu sehen!
Selbst gehen
Vorher
Der Weg ist lang, 300 Meter hinein, und wieder hinaus. Will ich nicht hetzen, brauche ich 15 Minuten Zeit.
Hinein
Ich gehe meinen Weg, Schritt für Schritt, ich denke zurück soweit ich kann, meinen Lebensanfang, weiter, Schritt für Schritt, die Kindheit und Jugend, die Höhen und Tiefen, die Veränderungen und Einschnitte, Schritt für Schritt bis heute…
In der Mitte: was erhoffe ich mir, wohin geht mein Leben, auch in der Sackgasse des Todes? Ich kann beten.
Heraus
Ich rolle meinen Lebensfaden wieder auf, von heute an, Schritt für Schritt. Ich versuche zu verstehen, Sinn zu ahnen, Spuren von Gottes Führung in meinem Leben zu entdecken, ich kann klagen, ich kann danken.
Labyrinth
Im Labyrinth verliert man sich nicht,
im Labyrinth findet man sich.
Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotaurus,
im Labyrinth begegnet man sich selbst.
Hermann Kern, in:„,Labyrinthe“
Herzlichen Dank
Der Gemeinde Bernried und besonders Bürgermeister Steigenberger für die Bereitstellung des Grundstücks.
Firma Walter Eberl für Radlader und Traktor.
Allen, die uns an den Tagen der Begegnung finanziell und durch Ihre Mitarbeit unterstützt haben.
Das Projekt
Das Bernrieder Labyrinth ist ein Projekt der Pfarrjugend St.Martin Bernried und ihrer Gäste aus der Diözese Burlington in Vermont, USA im Rahmen des Tages des sozialen Engagements, Weltjugendtag 2005.
Idee : Robert Ischwang, Diakon
Planung / Realisatio n: Felix Eberl und Robert Ischwang
Künstlerische Leitung Mosaik : Irina Ghirardini, Mosaikwerkstatt Ars Musiva, Reitweg 11, 82347 Bernried und Katharina Breitenmoser, Mascha Ghirardini, Maria Kistler
Weitere Informationen, Literatur, Anleitung für Gruppen:
Diakon Robert Ischwang, (08158) 1001, robert.ischwang@pfarrei-bernried.de
Literatur
Hermann Kern: Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen. 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds, München 41999
Gernot Candolini: Im Labyrinth sich selbst entdecken, Freiburg 2001
Peter Hofacker / Mathias Wolf: Labyrinthe. Ursymbole des Lebens, Freiburg 2002.


