Bistum Augsburg


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Orgel

Crescentiaorgel

Vorstellung der Orgel durch den Orgelbaumeister Siegfried Schmid

Seit der Gründung meiner Orgelbauwerkstätte vor knapp 10 Jahren träumte ich immer davon, einmal eine möglichst große Orgel, noch dazu in einem Kirchenraum bei dem alles "stimmt" (gute Akustik, ausreichende Höhe usw.), bauen zu dürfen. Im Jahre 1997 wurde dieser Traum Wirklichkeit. - Die Kirchenverwaltung von "St Martin" in Kaufbeuren beauftragte mich mit dem Bau einer neuen Orgel mit 3 Manualen, Pedal und 50 Registern. Eine große Ehre für meine Mitarbeiter und mich.

So sehr man sich natürlich über diese Ehre berechtigterweise freuen darf, so wird einem sehr schnell bewusst, dass an ein solches Instrument sehr hohe Erwartungen gestellt werden. In Anbetracht der damit verbundenen Kosten und notwendigen Nebenarbeiten (Sanierung und Stabilisierung der Empore) ist dies auch verständlich. Daher war es für uns Herausforderung und Verpflichtung zugleich, diese Erwartungen zu erfüllen, möglichst noch zu übertreffen.

Architektur des Instrumentes
Die Architektur des Orgelgehäuses versucht nicht einen Stil zu kopieren, orientiert sich aber an Gestaltungselementen des gotischen Kirchenraumes. Betrachtet man den Orgelprospekt von vorne, so ist sein klassischer Werkaufbau klar zu erkennen. Im mittleren Teil des Hauptgehäuses ist an zentraler Stelle das Hauptwerk angeordnet, welches vom Pedalwerk (in C und C# - Seite getrennt) seitlich flarr-kiert wird. Ein weiteres klassisches Teilwerk, das Rückpositiv, ist in die Emporenbrüstung eingebaut, während das romantische Schwellwerk mittig hinter dem Hauptwerk positioniert ist.

Technischer Aufbau
Das Orgelgehäuse in selbsttragender Konstruktion umschließt den gesamten technischen Aufbau des Instruments, sowie das Pfeifenwerk. Es ist aus ausgesuchtem, massivem Fichtenholz mit gestemmten Rahmen und weitgehend massiven Füllungen gefertigt. Gerade die Verwendung von massivem Fichtenholz für das Gehäuse entspricht süddeutscher Orgelbautradition und trägt nicht zuletzt entscheidend zu einem warmen, abgerundeten Klang des Instruments bei. Der technische Aufbau im Orgelinneren ist ebenfalls in massivem Eichen- und Fichtenholz (falls technisch notwendig auch abgesperrtem] gefertigt. Alle wichtigen Holzverbindungen sind mittels sog. Schwalbenschwanzzinken verbunden (z.B. Gehäusekränze, Magazinbälge, Windladen usw.). Die Spieltraktur wurde natürlich mechanisch angelegt. Das heißt, dass die Verbindung von der Taste zum Tonventil mittels dünner Holzleistchen (Abstrakten) hergestellt ist. Daneben sorgen Metallwellen mit Holzärmchen, Holzwinkel usw. in besonders präziser Ausführung für ein leichtgängiges und sehr exaktes Spiel. Mittels rein mechanischer Koppeln lassen sich die einzelnen Teilwerke des Instruments miteinander verbinden (koppeln).

Die Registertraktur wurde nicht zuletzt auch aus Kostengründen elektrisch, in Verbindung mit einer 256-fachen elektronischen Setzeranlage ausgeführt. An französischen Vorbildern (Cavaille-Coll, Mutin) orientiert sich der frei, zwischen Hauptorgel und Rückpositiv stehende Spieltisch. Diese Aufstellung ermöglicht dem Organisten einen besseren Klangeindruck vom gesamten Orgelwerk. Außerdem kann der Chor vom Spieltisch aus dirigiert werden.
Das Rückpositiv ist der klangliche Dialogpartner zum Hauptwerk. Es verfügt über die helleren Labialstimmen und eignet sich dadurch mehr für solistische Aufgaben. Neben dem "kleinen Plenum" mit Prä-stant 81, Principal 4', Waldflöte 2', Scharff V finden sich aber auch ein Terz- und zwei Quintregister, mit welchen sich sehr aparte Klangmischungen erzielen lassen. Sesquialterklänge und auch Cornettklänge stehen auch hier als Solostimmen zur Verfügung. Auch im Rückpositiv stehen zwei Zungenregister, nämlich das sonore Cromorne 8' und ein Dulcian 16'.
Das Schwellwerk ist, wie bereits erwähnt, der romantische Teil der neuen Orgel. So finden sich neben der mächtigen französischen Zungenbatterie auch die zarten Streicherregister Salicional 8', Viola 4', sowie die Streicherschwebung Voix Celeste 8', mit der sich fast "sphärische" Klänge erzeugen lassen. Ebenso ist auch hier die Principalfamilie mit Geigenprincipal 8', Prestant 4', Doublette 2' und dem Plein jeu 2 2/3' vertreten.

Klangkonzept
Bei der Erstellung des Klangkonzeptes galt es, neben den Ausmaßen des Kirchenraumes von "St. Martin", vor allem die liturgischen Aufgaben, welche die neue Orgel erfüllen muss, zu berücksichtigen:
? Begleitung von Kantor und Gemeinde, sowie des Chores
? Vor- und Zwischenspiele
? Großes Vor- und Nachspiel, meditatives Orgelspiel
? Continuospiel (z.B. mit Orchester usw.)
Ein für so vielfältige Aufgaben disponiertes Instrument mit 50 Registern eignet sich natürlich auch sehr gut für konzertantes Orgelspiel.

Das Konzept im Einzelnen
Das Hauptwerk mit seinem geschlossenen Princi-palchor (Principal 16', Principal 8', Oktav 4', Quinte 2 2/3', Superoctav 2', Mixtur 2') bildet das Rückgrat der Orgel. Ergänzt wird dies durch den Weitchor (Copel 81, Rohrflöte 4'), die Soloregister (Flute harmo-nique 8', Viola di Gamba 8') die kernigen Zungen Trompete 16' und 8', sowie das fünffache Cornett.
Abgerundet wird die reiche Registerpalette durch den Weitchor Bourdon 16', Holzflöte 8', Traversflöte 4' und den Aliquoten Nazard 2 2/3' und Tierce 1 3/5\ Alle diese Register befinden sich in einem doppelwandigen, schalldämmenden Gehäusekasten. Mit einem Fußtritt kann der Spieler die Schwelljalousien in der Vorderfront sowie im Dach öffnen und schließen, wodurch dieses Teilwerk in der Lautstärke dynamisch veränderbar ist. Das Pedalwerk basiert auf den großen Holzpfeifen des an der Rückwand stehenden Untersatz 32'. In den seitlichen Pedaltürmen stehen die bis zu 5,6 m hohen Pfeifen des Prinicpalbass 16', dessen größte Pfeife einen Durchmesser von 27,5 cm hat. Aber auch hier setzt sich der Principalchor lückenlos fort (Octavbass 8", Choralbass 4', Mixtur 2 2/3'). Neben den zurückhaltenderen Begleitstimmen Subbass 16', Gedacktbass 8' stehen auch hier fundamentale Zungenstimmen wie Bombarde 16', Trompete 8' und 4' zur Verfügung.

Abschließend möchte ich mich bei H.H. Stadtpfarrer Adolf Nießner, Herrn Kirchenpfleger Eugen Böckler, Herrn Rudolf Bufler vom Orgelbauverein, Herrn Chordirektor Richard Waldmüller, sowie allen Verantwortlichen der Pfarrei St. Martin für das entgegengebrachte Vertrauen und die äußerst angenehme Zusammenarbeit bedanken. Mein weiterer Dank gilt den beteiligten Genehmigungsbehörden, im besonderen Herrn Prof. Dr. Gert Völkl vom Amt für Kirchenmusik und Herrn Felix Landgraf vom Kunstreferat der Diözese Augsburg, für die fachliche und künstlerische Beratung bei diesem Projekt. Möge die neue Crescentia-Orgel von "St. Martin" für viele Generationen zum Lobe Gottes erklingen.
Siegfried Schmid Orgelbaumeister