Bistum Augsburg


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Hunger - Persönliches Leben und weltweite Vernetzung

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Zum Hungertuch 2004

Jede der Gestalterinnen ist auf dem Hungertuch mit ihrem eigenen Lebenslabyrinth zu sehen.
Das Labyrinth, ein Ursymbol der Menschheit, kann uns anregen auf unser persönliches Leben zu blicken. Wonach habe ich Hunger in meinem Leben? Was muss ich ändern, um ein „sattes“ Leben zu führen? Was hat mein Leben mit den hungernden Menschen zu tun? Was kann ich zu einer Veränderung beitragen?

Im Hintergrund sind auch die Längen- und Breitengrade der Welt zu sehen, denn der Hunger und seine Bekämpfung sind nicht nur eine Herausforderung für den Süden. Wir alle, Menschen in Nord und Süd, sind miteinander verbunden und daher aufgefordert, diese weltweite Vernetzung solidarisch zu gestalten. Die roten Fäden, sie stehen für lebensfördernde Beziehungen.

Labyrinthengänge

Im Hintergrund des Hungertuches sind feine Linien gezeichnet, spiral- und mäanderförmig, labyrinthisch angeordnet und miteinander verbunden. Frauenhände führen einen roten Faden behutsam von Knäuel zu Knäuel, Frauen, die ihren Weg suchen oder für andere eine Richtschnur legen durch das Wirrwarr von Gängen und Wegen.

So wie dereinst Ariadne, die dem geliebten Theseus den roten Faden mit auf den Weg ins kretische Labyrinth gab, auf dass er den Weg zurück finden möge und nicht umkommen müsste. Der Weg ins Innere des Labyrinths hatte zum Ziel, den Minotauros, einen Stiermenschen, Symbol für das Böse, zu besiegen. Der Held dieser griechischen Sage ist zweifelsohne Theseus, der den Mut aufbringt sich in die Höhle des Löwen zu wagen. Doch allein Heldenmut reicht offensichtlich nicht aus. Ariadne denkt weiter als Theseus und gibt ihm ein Schwert und ein Wollknäuel mit auf den Weg. Weitsicht und Klugheit der Ariadne führen Theseus nach bestandenem Kampf wieder ins helle Sonnenlicht.

So mögen die Wege der Künstlerinnen des Hungertuches wie verschlungene, unübersichtliche, undurchschaubare Labyrinthengänge gewesen sein, Wege, die in die Irre, in die Fremde, in die Gefangenschaft geführt haben. Sie wussten nicht, auf welches lebensbedrohliche „Biest„ sie treffen, ob sie den Sieg davon tragen würden, ob sie den Weg zurück jemals finden würden. Ihre Wege schienen eher in einem Irrgarten zu verlaufen, der ein Scheitern, ein Steckenbleiben mit sich bringt.

Labyrinthische Wege sind zwar voller Wendepunkte, an denen man auf der Stelle zu treten glaubt, sie wechseln die Richtung, dass man meint niemals zum Ziel zu gelangen, aber sie führen doch letztendlich alle in die angestrebte Mitte und wieder hinaus.

Ein Labyrinth ist ein Symbol für das Leben, für den Lebensweg eines Menschen: mit jugendlich forschem Schritt startet man hinein, direkt auf die Mitte zu, wendet sich voller Dynamik dem erstbesten Abzweig zu, verführt zu neuen Ausblicken, verliert sich, die Weite erlebend, in den Außenläufen, kommt ins Stolpern, bereit zu Kehrtwenden um 180 Grad.

Allmählich mehren sich die Haltepunkte, man blickt zurück, gerät in Zweifel:

Schaffe ich das wirklich? Wie weit denn noch? Bin ich auf dem richtigen Weg? Sollte ich lieber umkehren?

Auch Angst kommt auf: Was erwartet mich hinter der nächsten Biegung? Oder ganz am Ende? Bin ich dem gewachsen? Wie lange reichen meine Kräfte? Und es mischen sich Wehmut und Trauer in die Gefühlswelt: Warum bin ich überhaupt so weit gegangen? War es nicht am Anfang, früher viel besser? Wie konnte ich nur das Vertraute, das Erreichte verlassen? Vielleicht ist es für immer verloren?

Doch man geht weiter, Schritt für Schritt, vielleicht im Pilgerschritt: zwei Schritte vor, einen Wiegeschritt zurück. Gleichsam tanzend geht es doch voran und wider Erwarten steht man plötzlich in der Mitte, spürt Freude, Glück und auch Stolz in sich: Ich habe es geschafft! Jetzt bin ich angekommen! Hier darf ich sein. Der Blick weitet sich über das Ganze, die gelaufene Wegstrecke. Erlebtes lässt man noch einmal Revue passieren. Das alles bin ich, ist mein Leben! Mit geradem Rücken, erhobenem Kopf und viel beschwingterem Schritt lässt sich nun der Weg zurück laufen, in der Gewissheit: Ich schaffe es. Schließlich bin ich ja auch hinein gekommen.

Der Labyrinthespezialist Hermann Kern schreibt: „Im Labyrinth verliert man sich nicht. Im Labyrinth findet man sich. Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotauros. Im Labyrinth begegnet man sich selbst.„ (H. Kern, Labyrinthe, München 1982, S. 13)

In der Geschichte der Christenheit wurde in labyrinthischen Darstellungen statt des Theseus, der den Minotauros bekämpft, Jesus Christus als der wahre Sieger über das Böse in die Mitte gesetzt. So können wir sagen: In der Mitte des Labyrinthes finden wir uns selbst und darin Gott. Jeder Gang durch ein Labyrinth kann somit zum Gebet werden, durch das ich Gott näher komme und für mich selbst Klarheit und Erkenntnis finde.

Die Künstlerinnen des Hungertuches haben als tröstliche Richtschnur für den Gang durch die Labyrinthe ihres Lebens den von Frauenhänden gehaltenen Ariadnefaden über das ganze Bild verteilt, vielleicht ein Symbol der liebevollen Hilfe, die sie sich gegenseitig schenken, die sie anderen Frauen in ähnlichen Lebenssituationen wünschen und die sie für sich selbst unbedingt brauchen.

Tips zum Weiterlesen und Arbeiten in Gruppen:
http://www.mymaze.de, http://www.begehbare-labyrinthe.de
Gernot Candolini, Labyrinthe. Ein Praxisbuch zum Malen, Bauen, Tanzen, Spielen,
Meditieren und Feiern, Augsburg 1998
Monika Kunz, Pfarrerin in Frankfurt am Main

Referat Weltkirche