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| Die Übersetzung von Joachim Meichel (1635) |
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Ein „Jedermann“ aus Augsburg
Barockes Theater mit Gruseleffekten: 400 Jahre Cenodoxus
Es ist eine schauerliche Geschichte: Als im elften Jahrhundert ein hochverehrter Professor in Paris stirbt, versammeln sich Dozenten und Studenten zum Totengebet. Da richtet sich der Leichnam auf seiner Bahre auf und spricht mit hohler Stimme: „Von Gottes gerechtem Gericht bin ich angeklagt.“ Danach sinkt er leblos zurück. In panischen Schrecken verschiebt man die Totenfeier auf den nächsten Tag. Wieder erhebt sich die Leiche. Sie ruft: „Von Gottes gerechtem Gericht bin ich verurteilt!“ Am dritten Tag finden sich zahlreiche Menschen ein, und wieder erhebt sich der Tote. Mit jämmerlicher Stimme schreit er: „Von Gottes gerechtem Gericht bin ich – verdammt!“ Die Begebenheit soll den Leiter der Domschule von Reims, Bruno aus Köln, bewogen haben, eine glanzvolle Karriere auszuschlagen und stattdessen in der Bergeinsamkeit der Chartreuse den strengen Kartäuserorden zu gründen. Der Barockdramatiker Jakob Bidermann entdeckte den makabren Stoff in der Bruno-Legende und machte daraus das Stück vom Leben und Sterben eines hoch angesehenen Menschen, der vor Gott verspielt hat: „Cenodoxus“, vor 400 Jahren in Augsburg uraufgeführt. Der 1578 im schwäbischen Ehingen geborene Jakob Bidermann war Jesuit und hatte mit seinen Stücken („Belisar“, „Macarius Romanus“, „Josephus“) Anteil an der lebendigen Theatertradition seines Ordens. Bidermann besuchte das Augsburger Jesuitengymnasium St. Salvator, trat dort 16-jährig in den Orden ein, studierte Philosophie in Ingostadt und wirkte dann als Lehrer wieder in Augsburg, wo er als 24-Jähriger das Drama „Cenodoxus“ schrieb. Nach dem Theologiestudium in Ingolstadt wurde er 1607 Rhetorik-Professor am Münchner Jesuitengymnasium und 1615 Philosophie- und Theologiedozent an der ordenseigenen Hochschule in Dillingen. 1625 berief ihn der Jesuitengeneral als Bücherzensor nach Rom, wo er 1639 starb. Cenodoxia bedeutet Ruhmsucht, die „Liebe zur eigenen Vortrefflichkeit“: Das Stück ist eine Dramatisierung der kirchlichen Lasterlehre. Hier galt die Ruhmsucht als Wurzelboden sämtlicher Sünden. „Während alle Laster vor Gott fliehen“, meinte Thomas von Aquin, „stellt sich der Hochmut allein Gott entgegen.“ Bidermann sieht dieses Laster in dem Humanisten stoischer Prägung verkörpert, der sich seine eigenen Normen und Lebensziele schafft, von Gottes Ordnung nicht wissen will und weder Schuldverstrickung noch Gewissen im christlichen Sinn kennt. Der Kampf um die Seele dieser ziemlich modernen Faust-Figur beginnt im irdischen Leben: Die teuflischen Mächte schicken ihm die bezaubernde Philautia („Eitelkeit“) als Geliebte; zusätzlich umgarnt ihn die schöne Hypocrisis („Hoffart“). Sein Schutzengel Cenodoxophylax („Beschützer des Cenodoxophylax“) will ihn retten und bestürmt den Himmel, ihm Conscientia („Gewissen“) zu senden, die den Kampf mit den attraktiven Höllendamen aufnimmt, bei Cenodoxus eine kurze Phase der Selbstbesinnung bewirkt, letztlich aber scheitert. Nach seinem Tod geht der Kampf um die Seele vor dem Richterstuhl Christi weiter. Der „Cenodoxus“ ist das bekannteste Beispiel jener Dramen, die in den Jesuitengymnasien aufgeführt wurden, auf Lateinisch, vor prächtig ausgestatteten Kulissen und mit vielen Darstellern; in Augsburg waren es bis zu 180 Mitwirkende. Für die Zuschauer gab es eine Art Programmheft in Deutsch. Man wollte alle Sinne des Publikums ansprechen, markerschütternden Schrecken und unbändiges Vergnügen vermitteln, Freude über den Triumph einer standhaften Märtyrerin, Entsetzen über die ewige Verdammnis eines Ketzers. Pädagogisches Ziel war die Erkenntnis, dass Richtungsentscheidungen in diesem Leben auch über Glück und Verderben im Jenseits bestimmen. Der Untergang des Jesuitentheaters begann im 17. Jahrhundert, als die italienische Oper ihren Siegeszug antrat. „Cenodoxus“ kam auch in Ingolstadt, Passau, Hildesheim, Wien, Luzern, Ypern und Paris auf die Bühne. 1635 wurde das Stück ungewöhlicherweise ins Deutsche übersetzt, was für einen noch größeren Bekanntheitsgrad sorgte. Spektakulär muss die Münchner Aufführung 1609 gewesen sein; der Hauptdarsteller trat in den Jesuitenorden ein, und 13 adelige Zuschauer unterzogen sich den strengen 30-tätigen Exerzitien des Ignatius von Loyola. Eine vom Akademischen Forum der Diözese Augsburg organisierte Tagung Ende September stellt unter anderem die Frage, was das barocke Welttheater den Menschen des 21 Jahrhunderts noch zu sagen haben könnte.
Christian Feldmann Katholische SonntagsZeitung, 7.9.2002 Ein Gelehrter in Gefahr
Er fühlt sich auf der sicheren Seite und doch erwartet ihn der Untergang. Denn der gelehrte „Cenodoxus" lebt nur für seinen Ruhm. Den 24jährigen Jesuiten Jakob Bidermann hat das Theaterstück, das 1602 in Augsburg uraufgeführt wurde, unsterblich gemacht. Taugt ein barockes Drama, worin auch Engel und Teufel auftreten und innere Kämpfe sichtbar dargestellt werden, noch für heute? Danach fragte eine Tagung des Akademischen Forums der Diözese. Verstaubt ist der „Cenodoxus" bis zur Gegenwart nicht. Im Vorjahr kam er in Ingolstadt und Luzern auf die Bühne. „Kein Schauspiel eines deutschen Autors vor Lessing hat ein so großes Publikum erreicht, und als einziges Stück des Barocks ist es lebendig geblieben", unterstrich Mitveranstalter Helmut Gier, der Direktor der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek. Denn „Cenodoxus" - eitle Ruhmsucht ist der Name des Helden - ist das Drama des neuzeitlichen Menschen schlechthin. Es zeigt ihn in einer Krisen- und Entscheidungssituation. Zwischen Himmel und Hölle zerren ihn verschiedene Kräfte; die Handlung ruft schallendes Lachen und blankes Entsetzen hervor. Alle Hebel der Theaterkunst werden in Bewegung gesetzt. „Jesuitentheater ist sinnenhaft", betonte Sandra Krump, die 1998 mit Studenten in Passau den „Cenodoxus" zeitgemäß aufführte. Kostüme, Musik, Tanz, Bühneneffekte ergeben ein multimediales Spektakel, das im Unterschied zum modernen Event aber eine Wirkung im Zuschauer hinterlassen will. Jesuitentheater setze die Sinne als Tor zur Seele ein, was für Lehrerin Krump der modernen Didaktik entspricht. Freilich erzeugt das allegorische Personal heutzutage unfreiwillige Komik, wo Teufel und Engel jeden Maskenball bevölkern. Wie sollen personifizierte Seelenkräfte wie Heuchelei, Ruhmsucht, Selbstliebe auftreten? Etwas ganz Neues sei der „Cenodoxus" seinerzeit gewesen, erklärte Hans Pörnbacher (Wildsteig), der Nestor der bayerischen Literaturgeschichte. Das Stück fußt zwar auf der Legende vom heiligen Bruno, der den Kartäuserorden gegründet habe, nachdem beim Requiem für einen Gelehrten der Tote sich dreimal noch aufgerichtet und seine Verdammung vor dem göttlichen Gericht verkündet habe. Doch Jakob Bidermann (1578-1639) beließ es nicht beim Mirakel, sondern zeichnete den verhängnisvollen Weg dieses Doktors nach. „Die Zuschauer merken, dass Cenodoxus bereits blind geworden ist für sein Fehlverhalten", so Pörnbacher. Aus krankhafter Eigenliebe tut er Gutes nur, um bewundert zu werden. Schutzengel und Gewissen ringen vergeblich um den Verblendeten. „Er ist verhaust", stellen sie fest. Leise glitt er in die Gottesferne ab. Soll man den „Cenodoxus" als eine Absage an den damals modischen Stoizismus lesen? Diese Fragestellung erbrachte Überraschungen auf der Tagung. Der Münchner Latinist Wilfried Stroh wies an einem Gedicht über eine tragische Heldin, die wegen eines Gelübdes des Vaters sterben muss, nämlich nach, dass Bidermann selbst eine ganz und gar unchristliche, humanistische Argumentation führen konnte. Nirgends in dem Gedicht werde das empörende Unrecht Gott geklagt. Offenbar bewegte sich Bidermann noch in den Spuren seines Lehrers Jacob Pontanus. Der berühmte Poetik-Lehrer am Augsburger Jesuitenkolleg leitete laut Barbara Bauer (Bern) zu Virtuosität in klassischem Latein an. In seinem Drama um die Opferung Isaaks ließ er in Abraham überraschenderweise die Allegorien von Natur und Vernunft wider einander streiten. Wie ausgelassen und zugleich ergreifend es in den Jesuitendramen zuging, ließ das Gesprächskonzert mit den Augsburger Domsingknaben mit ausgegrabenen Erstaufführungsperlen erahnen. Musikwissenschaftler Franz Körndle (Jena) hatte auch lebensfrohe Kneipen- und Scherzlieder ausgewählt, die Wein, Weib und Gesang huldigten. Sie waren ins Spiel eingebettet. Gelegentlich fordere die Regieanweisung eine „vergnügte Cantio", dann wieder Engelschor, Marienlieder oder Trauergesänge. So allgemein muss das musikalische Vergnügen gewesen sein, dass ein strenger Jesuitengeneral einige „schändliche" Melodien - Bayerns Hofkomponist Orlando di Lasso war ein fleißiger Schöpfer - auf den Index setzen ließ. Der Literat Bidermann war übrigens später selbst als Zensor Roms tätig. Bildlich hat sich der Cenodoxus in der Münchner Asam-Kirche erhalten. Als Figur des gerichteten Toten richtet er sich aus dem Sarg auf, worüber sich eine stehende Figur entsetzt. Prof. Dietz-Rüdiger Moser wollte sich nicht festlegen, ob es der heilige Bruno ist oder ein Duplikat von Cenodoxus, der die Wissenschaft - - ein lässig hinter ihm abgestelltes Buch - nicht recht genutzt hat.
Alois Knoller Augsburger Allgemeine Zeitung, 30.9.2002 |